Men´s Friend

“Verdammt !” schrie er, die Faust ballend, leise in sich hinein.

Es war wieder einer dieser verregneten Tage, wie sie im Herbst oft über die Länder zogen und die Sonne hatte ihre letzte Chance vertan den Tag ein Wenig aufzuhellen.

Dunkle Wolken zeichneten ein stürmisches Firmament, während Regentropfen hämmernd an das Fenster trommelten. Eigentlich war das Wetter sein kleinstes Problem. Er würde sich nicht damit rausreden können, dass das Wetter nicht inspirierend gewesen war.

Jack würde es herzlich wenig interessieren, ob es für ihn regnete oder die Sonne schien, so lange er die Artikel zeitig lieferte. Schließlich würde niemand das “Men´s Friend” Magazin kaufen weil ein Redakteur eine inspirierende Phase hatte, sondern weil es zum wöchentlichen Ritual geworden war. – Das hoffte Jack zumindest.

Für die Meisten war Jack der Chefredakteur, für Michael jedoch war er nicht mehr als ein egoisticher Macho der es anderen zu verdanken hatte heute ein wohlhabendes Leben zu führen und seine Mitarbeiter schickanieren zu können. Michael glaubte nicht dass sein Arbeitgeber je selbst erfahren hatte was es bedeutete die Nächte durchzumachen um den letzten Artikel doch noch irgendwie fertig zu bekommen, der sich in quälend langen Stunden Zeile für Zeile weigerte das Prädikat “gut” zu verdienen.

So war es auch heute. Die weibliche Seite der Männer war nicht gerade eines seiner Lieblingsthemen und er fragte sich wieder einmal wer nur auf die Idee gekommen war solch eine Kolumne zu starten. Hätte er nicht zufällig mit einem Bein unter einem Taxi gelegen, hätte er sich vermutlich noch dagegen wehren können – so jedoch blieb ihm nichts übrig als die ihm zugeteilte Aufgabe irgendwie zu bewältigen. Ihm würde schon noch eine Kolumne einfallen, die er den Kollegen anhängen konnte. Man musste nur warten bis sie einem auf der Straße begegnete, dann lies sich die Idee sicherlich auch weitergeben.

Der aktuelle Titel “Männer und Kosmetik” war ihm eingefallen als er durch die Kaufhäuser schlenderte und die “neue Tagescreme für den Mann” entdeckt hatte. Wenn tatsächlich ein Funken Wahrheit in der Produktbeschreibung stand, versprach die Creme einen hohen Feuchtigkeitsgehalt und einen frischen, jugendlichen Tewieint. Das war es, was er die letzten 20 Jahre seines Lebens unbedingt gebraucht hätte – eine Tagescreme. Wie hatte wer je ohne solch ein Wundermittel auskommen und sich auf die Straße wagen können, wo doch jegliche Werbung zu verstehen gab dass man soetwas als “Mann von heute” im Badschrank stehen haben musste; natürlich direkt neben der Body Lotion und dem Gesichtswasser mit Gurkenextrakt.f

12 Stunden waren vergangen, seit er sich am Morgen an den Computer gesetzt hatte um den Artikel zu schreiben, und ein ganzer Tag war an ihm vorüber gezogen, ohne dass er davon Notiz genommen hatte. Es war doch erstaunlich wie sehr sich der Mensch in einer Arbeit verlieren konnte, obwohl er sich selbst und seine Arbeit dafür hasste. Bisher hatte er nicht mehr als die ersten Absätze zu Papier gebracht und die 2 Seiten Tagesziel schienen zu einer unlösbaren Aufgabe herangewachsen zu sein.

Wie hatte er das nur so lange durchgehalten, jeden Tag auf´s neue über Themen zu schreiben die er für vollkommen überflüssig hielt ? Er hatte solche Gedanken immer wieder fortgeschoben und sich dann doch dazu durchgerungen über dem Papier zu sitzen und zu hoffen dass sich die Zeilen von selbst zusammenfügen würden, aber dieser Tag war anders. An diesem Tag würde er alles ändern und sich nicht länger zu einem Knecht seines Vorgesetzten machen lassen. Er wollte frei sein und er würde diese Freiheit bekommen, egal was es auch kostete.

Nachdem er sich einen starken Kaffe aus dem Automaten gezogen hatte kehrte Michael in sein kleines Büro, aus vier Stellwänden und einem Schreibtisch, zurück und begann mit seinem neuen Plan. Seit er das erste Mal einen Wikipedia-Artikel als Inspirationsquelle genutzt hatte, gehört die riesige Sammlung des Weltwissens zu seinem täglichen Lesebedarf. Und doch hatte er es nie gewagt einen Artikel zu kopieren, weil er fürchtete entlarvt zu werden.

Irgendwann war immer das erste Mal und da er ohnehin daran zweifelte dass viele einen Artikel über Männerkosmetik lesen würden, übernahm er einige Absätze des langen und ausführlichen Wikipedia-Artikels, der von mehreren Autoren geschrieben worden war. Nur hier und da fiel ihm eine bessere Formulierung ein oder versuchte er seinen eigenen Stil irgendwie noch einzubringen.
Kaum eine Stunde später war der Artikel in ein ansprechendes Layout umgesetzt, dass er mit Fotos aus der Wikipedia garnierte. Schon konnte er sich selbst den Feierabend genehmigen und machte sich auf den Weg zu einer kleinen Bar am Rande der Stadt, in er der sich häufiger nieder ließ um abseits des Rummels einen Whisky zu genießen und abzuschalten.

Die Nacht war kühl und auf dem Weg zu seinem Appartment lies Michal die frische Luft durch das offene Wagenfenster strömen. Vielleicht hätte er einen Whisky weniger trinken sollen, aber was machte das schon aus, auf den leeren Straßen einer schlafenden Stadt. In seinem Domizil angekommen lies er sich auf das große, metallene Bett fallen und es dauerte nicht lange, bis er tief und fest eingeschlafen war.

Der nächste Morgen begann so wolkenverhangen wie der letzte Abend geendet hatte und im Radio dudelten die 80er leise vor sich hin, als Michael mit dem Wagen auf den Parkplatz vor dem Redaktionsgebäude bog. Jack würde ihn in der Luft zerreißen weil er den Artikel erst kurz vor Redaktionsschluss geliefert hatte, also hatte er sich einen starken Coffe 2 go beim Bäcker besorgt um fit zu sein, bevor er die Tiraden seines Chefs über sich ergehen ließ.

Wie erwartet begann Jack schon auf ihn einzureden bevor er die Tür des Büros ganz hinter sich geschlossen hatte, doch was er in den letzten Minuten seines Arbeitsverhältnisses bei Men´s Friend zu hören bekam übertraf bei weitem was er sich vorgestellt hatte. Sämtliche Radio- und Fernsehsender so wie millionen von Blogs berichteten über die Men´s Friend Redaktion und bezeichneten sie als einen unfähigen Haufen verlogener Journalisten, die nicht fähig waren selbst gute Artikel zu schreiben.

Einer der Autoren des Wikipedia-Artikels schien auch Stammleser der Men´s Friend gewesen zu sein und hatte seinen Augen nicht trauen wollen, als er die aktuelle Ausgabe in Händen hielt. Auf seinem Blog hatte er jede kopierte Zeile hervorgehoben und die kleinen Abänderungen von Michael als Hohn der ehrenamtlichen Autoren bezeichnet.

Er war aufgeflogen.

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